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SplatterPornSpecial

Männer, Frauen & Kettensägen
Take me tonight… - über Schnitt-Stellen von Splatter und Pornografie


Zeigen, offenlegen, fragmentieren - die Ästhetiken des Splatterfilms und der Pornografie haben mehr gemeinsam, als der oberflächliche Blick zu offenbaren vermag. Während in den USA bereits seit den späten 80er Jahren feministische Filmwissenschaftlerinnen wie Linda Williams ("Hard Core: Power, Pleasure and the Frenzy of the Visible") oder Carol J. Clover ("Men, Women and Chain Saws: Gender in the Modern Horror Film") die strukturellen Ähnlichkeiten dieser beiden body genres (Williams) erforschen, erscheinen derlei Gedankengänge hierzulande noch immer oftmals als Fremdkörper in den festgefahrenen Strukturen von Filmwissenschaft und Filmjournalismus. Mit Katharina Klewinghaus' "Science Of Horror - If The Chainsaw Was A Penis" macht sich nun ein aktueller Dokumentarfilm daran, mittels zahlreicher, durch Filmausschnitte ergänzter Interviews mit Filmemachern wie Akademikern auf so informative wie unterhaltsame Art und Weise Theorie und Praxis aufeinander treffen zu lassen. Grund genug für uns, in einem Themenschwerpunkt tiefer in die Abgründe der beiden noch immer verfemten Genres abzutauchen - und dort so manche verschüttete Perle zwischen Exploitation, Trash und Avantgarde zu entdecken…

Als unverzichtbarer Leitfaden durch das Special und die wilde Welt des Horrorpornos bietet sich dabei der Vortrag von Stefan Höltgen (Bonn) über "Vampire, Zombies, Mumien und andere Sex-Monster" an. Der filmwissenschaftliche Grenzgänger aus Leidenschaft nimmt darin mit auf eine (durch Filmausschnitte reich bebilderte) Reise durch eine parallele Filmgeschichte - und wer danach noch nicht genug hat, der taucht für 90 Minuten ab ins grelle Trashuniversum von "Edward Penishands"! Spaß garantiert! Das Spektrum des Themenschwerpunktes umfasst weiterhin mit "Forced Entry" (eine echte Wiederentdeckung und ein Geheimtip des Festivals!) und "A Gun For Jennifer" gleich zwei Beispiele des vielleicht umstrittensten und am deutlichsten sexuell aufgeladenen unter den Subgenres des Splatterfilms - des Rape-&-Revenge-Films -, die ihre düsteren Fabeln von Gewalt und Gegengewalt durch die Augen von Täter ("Forced Entry") und Opfer ("A Gun For Jennifer") erzählen. Misogynie oder Radikalfeminismus? Entscheidet selbst… Ganz buchstäblich treffen Sex und Horror dann in Gestalt der Filmemacher Pierre Woodman und Brian Yuzna in einer langen, so aufschlussreichen wie unterhaltsamen Nacht in Prag aufeinander: "Durch die Nacht mit … Pierre Woodman & Brian Yuzna". Schließlich runden zwei sehr unterschiedliche Variationen auf das Subgenre des Vampirpornos das Special ab: Während Matthew Salibas hochästhetische Hommage an Jess Francos Klassiker "Vampyros Lesbos" lediglich 20 Minuten und eine Reihe von Standbildern benötigt, um seine blutige Mär zu erzählen, holt der letztjährige Gewinner unseres Wettbewerbs, der New Yorker Porno-Auteur Joe Gallant, weiter aus und präsentiert mit "Hell's Kittens" einen zweistündigen, fiebrigen Ritt durch eine urbane Höllenvision. Während also draußen der Winter naht, färben sich unsere Leinwände blutrot - und nehmen die Zuschauer mit auf eine Reihe intensiver Trips… die Nächte werden lang und wild!

A Gun For Jennifer NX
26.10., 22.30 Uhr, Eiszeit 2

USA, 1996, 91 Minuten, Todd Morris, englische Originalfassung mit deutschen Untertiteln
A Gun For JenniferAn einem Perspektivwechsel ist es Todd Morris in "A Gun for Jennifer" gelegen: Wo der Akt der Vergewaltigung in "Forced Entry" explizit, en detail und wiederholt ausgespielt wird, tritt er hier in den Hintergrund, um der Gegengewalt in Gestalt einer Frauenbande und ihrem Krieg gegen die chauvinistisch-gewaltvolle Männerwelt Raum zu schaffen. Ein notwendiges Spiegelbild zu all den männlichen Aggressoren des Splatterkinos ebenso wie ein eindrucksvolles B-Picture im Geiste Abel Ferraras, entstanden unter schwierigen Bedingungen in einer Zeit, da das amerikanische Independent-Kino bereits in seinen letzten Zügen zu liegen schien, und nun endlich verdientermaßen wiederentdeckt.

A gang of raped women takes revenge against the chauvinist, violent male world around them.


Durch die Nacht mit… Pierre Woodman & Brian Yuzna H NX D SW
26.10., 16.15 Uhr, Moviemento 2, mit Matthew Saliba's "Vampyros Lesbos"

Deutschland, 2007, 52 Minuten, Hasko Baumann, englische Originalfassung
Durch die Nacht mit...   Pierre Woodman & Brian YuznaIn dieser Episode der arte-TV-Reihe "Durch die Nacht mit …" treffen mit dem französischen Pornografen Pierre Woodman ("Xcalibur - The Lords Of Sex") und dem amerikanischen Splatterfilmer Brian Yuzna ("Bride Of Re-Animator") zwei sehr unterschiedliche Filmemacher aufeinander. Im Verlaufe einer langen Nacht in Prag entspinnt sich ein interessantes, unterhaltsames und aufschlussreiches Gespräch über Sex, Gewalt und Moral im "Kino für Erwachsene"… und im Vorprogramm führt der kanadische Regisseur Matthew Saliba in seinem Kurzfilm "Vampyros Lesbos" Sex und Blut in einer Hommage an das Trashkino der 70er Jahre zusammen.

"One city, two artists, one night" is the formula for the meeting between the French pornographer Pierre Woodman and the American splatter director Brian Yuzna in Prague.


Edward Penishands H X
24.10., 22.15 Uhr, Eiszeit 1, mit "Filthy"

USA, 1991, 83 Minuten, Paul Norman, englische Originalfassung
Ein künstlicher Mensch im Gothiclook, eine quietschbunte Kleinstadtparodie, und zwei riesige Gummigeschlechtsteile anstelle von Händen: Johnny Depp, Hauptdarsteller in Tim Burtons Vorbild "Edward mit den Scherenhänden", gab einst im Interview zu, großen Spaß an seinem Doppelgänger "Edward Penishands" gehabt zu haben - und wie könnte es anders sein? Mit soviel Freude wie Lust am schlechten Geschmack geht Regisseur Paul Norman hier ans Werk und kreiert ein wahres Trashfest, das nebenbei auch durchaus als einigermaßen sorgfältige Hommage an Burton sowie als greller Einblick in den Pornochic der frühen 90er Jahre funktioniert. Ein waschechter Partyfilm!

A trashy, pornographic homage to Tim Burton's "Edward Scissorhands" and a true party film.


Filthy L X F
24.10., 22.15 Uhr, Eiszeit 1, mit "Edward Penishands"

Brasilien, 2008, 17 Minuten, Queer Fiction, brasilianische Originalfassung mit englischen Untertiteln
FilthyZwei Mädchen entdecken gemeinsam die "Fleischeslust".
The film shows the relationship among two girls that together discover the pleasures of the "flesh". "Filthy" is a dirty parody about innocence and the discovery of violence.


Forced Entry H X
23.10., 22.30 Uhr, Moviemento 3

USA, 1973, 82 Minuten, Shaun Costello, englische Originalfassung
mit einer Einführung von Stefan Höltgen (Bonn)
Der Rape-&-Revenge-Film bewegt sich, völlig unbekümmert um die Fesseln der Political Correctness und so mutig wie letztlich ungreifbar, zwischen den Vorwürfen der Misogynie und der Feier des radikalen Feminismus. Die Spannbreite des Genres wird dabei exemplarisch deutlich in unserem Programm, das mit "Forced Entry" und "A Gun For Jennifer" zwei radikal unterschiedliche Perspektiven aufeinander prallen lässt. Mit "Forced Entry" steht da zuerst eine echte Entdeckung und einer der radikalsten und erbarmungslosesten Filme, die das Splatterkino der frühen 70er Jahre hervorgebracht hat. Mit verstörenden, dokumentarischen Aufnahmen aus dem Vietnamkrieg unterlegt, erzählt Regisseur Shaun Costello darin die Geschichte eines traumatisierten Kriegsheimkehrers (Harry Reems, "Deep Throat"), der der Gewalt des Krieges nicht mehr zu entsagen vermag und darob zum brutalen Vergewaltiger und Serienkiller wird - bis er auf die sexuelle Befreiung in Gestalt zweier Hippiemädchen trifft, die seine Vorstellung geschlechtlicher Machtverhältnisse sehr nachhaltig erschüttern… Inszeniert ist das alles mit einer derart rohen Wucht und kalten Konsequenz, dass es die Zuschauer schier frösteln lässt. Ein kraftvolles Zeitdokument, ein Höhepunkt der Splatter- wie der Pornofilmgeschichte und ein vergessenes Meisterwerk des amerikanischen Undergroundkinos!

A traumatised war veteran turns into a brutal rapist and serial killer until he meets two hippie girls who shake up his world and show him sexual liberation.


Hell's Kittens. A Vampire Supermodel Love Story (Director's Cut) H X
25.10., 22.15 Uhr, Eiszeit 1

USA, 2008, 82 Minuten, Joe Gallant, englische Originalfassung
Hell's Kittens. A Vampire Supermodel Love StoryFrisch vom Schneidetisch des New Yorker Porno-Autorenfilmers Joe Gallant kommt nach dem formidablen psychopolitischen Mindfuck von "Ave. X" und dem auf dem Pornfilmfestival 2007 preisgekrönten "Atomic Skullfuck Orgy" ein neuer Trip in bizarre Abgründe dunkler Erotizismen. Harter Sex steht hier neben betörend schönen Impressionen des nächtlichen New York, hyperparanoide Verschwörungsrhetorik und die schmutzige Ästhetik des Undergroundkinos lassen immer wieder tief ins Herz der Finsternis blicken. Joe Gallants unvergleichlich schmutzige Vision des Vampirpornos findet weit jenseits von Plastikzähnen und mottigem Gothic-Chic im New York der Gegenwart statt: ein somnambuler Trip auf der Schattenseite der Metropole ebenso wie ein hyperstilisierter Genrehybrid. Intensiv, wild, fiebrig, sexy!

Vapid model-trash find themselves fucked, bitten and turned by a new race of future-humans. The government is hot on everyone's trail, eager to wipe out this new breed. Anarchist polemic and hot, nasty, anal / atm throughout…


Science Of Horror - If The Chainsaw Was A Penis (Science of Horror - Wenn die Kettensäge zum Penis wird) D
24.10., 20.15 Uhr, Eiszeit 1

Deutschland, 2008, 81 Minuten, Katharina Klewinghaus, englische Originalfassung mit deutschen Untertiteln
Science Of Horror - If The Chainsaw Was A PenisHorrorfilme sind pornographisch und erotisieren das Abscheuliche. Dennoch befreien sie, sind humorvoll und rütteln an kulturellen Tabus. "Science of Horror" dokumentiert zum ersten Mal den Horrorfilm aus der Sicht feministischer Filmkritik. So entdeckt Carol Clover in "Texas Chainsaw Massacre" das final girl, ein androgyner, dennoch eindeutig weiblicher Held. Damit liefert Clover eine grundlegende Formel des Genres und ein Fundament für weiterführende Thesen. Frauen sind des Horrors Lieblingsopfer, aber auch seine Helden. Der Phallus als sozialer Machtindikator wird im Horror zu einem flexiblen Objekt: Die Kettensäge in den Händen des final girl erlaubt einen anderen Blick auf die Normen westlicher Gesellschaften - heterosexuelle Zuschreibungen werden vom Genre unterwandert. Ausgehend davon entwickelt Judith Halberstam eine queere Lesart des Genres und erläutert anhand der "Chucky"-Serie, wie explizit Sexualität den Horrorfilm durchdringt und welche sexuellen Spielarten das Genre dem Publikum anbietet. Die filmtheoretischen Thesen werden mit Zitaten aus bekannten Horrorfilmen belegt und den Aussagen renommierter Filmemacher gegenübergestellt. Der Film schafft somit erstmalig Raum für einen Diskurs zwischen Filmtheorie und Filmpraxis. Wes Craven, John Carpenter und Tom Savini äußern sich zu ihren Filmen und ihren Fans. Bruce Campbell erklärt, warum er in den "Evil Dead"-Filmen ein männliches Opfer darstellt und welche Intention dahinter steckt, und Neil Marshall erläutert, warum "The Descent" bewusst mit den Erwartungen des Publikums spielt. Die Dokumentation kommt zu dem Schluss, dass das Genre mehr ist als die Summe seiner Effekte und der ihm entgegengebrachten Vorurteile. Horror ist absolut einzigartig.

Horror films are pornographic and eroticise the abject. Yet, they relieve, they are humorous and challenge cultural taboos. "Science Of Horror" is the first documentary to analyze horror film from the perspective of feminist film critique. Carol Clover discovers the "final girl" in "Texas Chainsaw Massacre", an androgynous but clearly feminine hero. Therewith, Clover delivers an essential formula of the genre and the foundation for further assumptions. Women are horror's favourite victims but also its heroes. The phallus, indicator of social power, becomes a flexible object in horror: The chainsaw in the "final girl's" hands allows a different look on the cultural norms of Western societies - the genre undermines heterosexual attribution. It is with that theory in mind, that Judith Halberstam develops a queer reading of the genre and illustrates along the "Chucky" series how explicitly sexuality runs through horror and which sexual vicissitudes the genre offers. Those theoretic assumptions are proven with citations from well-known horror films and confronted with statements of renowned filmmakers. Thus, the documentary is the first to lead a discourse between film theory and film practice. Wes Craven, John Carpenter and Tom Savini comment on their films and their fans. Bruce Campbell explains why he depicts a male victim in the "Evil Dead" movies. Joe Hill criticizes "torture porn" because of its shallowness, whereas Neil Marshall elucidates why "The Descent" consciously plays with audience's expectations. The documentary concludes that there is more to the genre than the sum of its effects. Horror is utterly unique.


Vampyros Lesbos H X
26.10., 16.15 Uhr, Moviemento 2, mit "Durch die Nacht mit … Pierre Woodman & Brian Yuzna"

Kanada 2008, 20 Minuten, Matthew Saliba, ohne Dialoge
Vampyros LesbosIn hochstilisierten Bildern erweist Matthew Saliba Jess Francos Klassiker von 1971 seine Referenz. Dabei gelingt ihm das Kunststück, seine Geschichte völlig ohne Dialoge und ausschließlich anhand von unbewegten Einzelbildern zu erzählen. Erotisch, künstlerisch wertvoll - und blutrot… Der Film wird im Vorprogramm zu "Durch die Nacht mit … Pierre Woodman & Brian Yuzna" gezeigt.

Linda is a bored and lonely housewife whose excursion into a world of sexual liberation with her lover Countess Nadine is tragically cut short when her cuckolded husband Omar brutally murders Nadine and then proceeds to give Linda what she really needs... a good "deep-dicking!"


Vortrag mit Filmbeispielen / Lecture with film clips (in deutscher Sprache / in German)
25.10., 20.30 Uhr, Moviemento 3
Vampire, Zombies, Mumien und andere Sex-Monster. Über die Vermischung von Pornographie und Horrorfilm.
Stefan Höltgen, Bonn


Stefan HöltgenSeit den 1970er Jahren, also der Blütezeit des Pornofilms, hat es immer wieder Versuche gegeben, diesen mit anderen Filmgenres zu kreuzen. Neben zumeist Kriminalfilm- und Thriller-Hybriden sind es vor allem Horrorstoffe, die besonders häufig in erzählenden Pornofilmen zu finden sind. Der Vortrag versucht einen Blick auf einige Vertreter dieser Horror-Porno-Hybride zu werfen und dabei vor allem die Monsterfilme, in sich denen die klassischen Figuren des Horrorkinos unversehens in Pornotopia wiederfinden, vorzustellen. Im Zentrum steht die Frage: Was haben die Monster und der Sex als filmische Phänomene gemeinsam und warum ist ihr Aufeinandertreffen im Pornofilm so überaus plausibel?

Stefan Höltgen (Jahrgang 1971) studierte zwischen 1996 und 2000 Germanistik, Philosophie, Soziologie und Medienwissenschaften an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Seit 2003 lebt und arbeitet er in Bonn als freier Journalist und betreibt dort ein Dissertationsprojekt zu "Medien- und Gewaltdiskursen im authentischen Serienmörderfilm" an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn. Neben Buchpublikationen und Herausgeberschaften schreibt er regelmäßig Kritiken, Rezensionen und Artikel für Magazine und Zeitschriften wie epd Film, Der Schnitt, telepolis, IASL u. a. Seit 2001 gibt er das Magazin F.LM - Texte zum Film heraus und betreibt seit 2003 das kulturwissenschaftliche Internetforum www.filmforen.de.



Abkürzungen:
H = Heterosexuell, S = Schwul, L = Lesbisch, T = Transgender, NX = enthält keine expliziten Sexszenen, X = enthält explizite Sexszenen, D = Dokumentarfilm, FT = Fetisch, SW = Sexwork (Filme zum Thema Sexarbeit und Prostitution), F = Filme von Frauen, A = Animationsfilm