SEX PRIVAT
Sex privat!!!
Was spielt sich hinter verschlossenen Türen ab? Wir kennen meistens nur den spekulativen, voyeuristischen Blick dummer Sex-Magazine bei den Privatsendern. Das PornfilmfestivalBerlin stellt dieses Jahr vier unterschiedliche Filmprojekte vor, die sich mit dem privaten Sex auseinandersetzen.
Mischka Popp und Thomas Bergmann schufen 1993 den außergewöhnlichen Dokumentarfilm "Herzfeuer", der ihre Reise durch die Republik und ihre Gespräche mit den unterschiedlichsten Menschen zum Thema Sex dokumentiert. Dieser Dokumentarfilm hat nichts Voyeuristisches, nichts Spekulatives, sondern präsentiert offene Menschen, die sich zum Thema Sexualität äußern. Harry S. Morgan, der Erfinder der Reihe "Happy Video Privat", die erfolgreichste Serie im kommerziellen Pornobereich der letzten 20 Jahre mit mittlerweile 110 Ausgaben, stellt fünf Beispiele dieser Reihe vor, die wir vom Festival ausgewählt haben. Erika Lust, Schwedin mit Wohnsitz in Barcelona, gründete dort vor einigen Jahren die Firma Lust Films und produziert erotische Filme aus feministischer Sicht für Frauen und Paare. Ihr letzte Arbeit "Barcelona Sex Projekt" präsentiert drei Frauen und drei Männer, die offen über ihre sexuellen Vorlieben und Gewohnheiten reden und vor der Kamera masturbieren. "Beautiful Agony" hingegen nutzt das neue Medium Internet und sammelt Beiträge seiner Nutzer - im intimsten Moment der Masturbation. Außerdem wird sich Stephan Wolf in seinem Vortrag "The Privacy Of Porn" mit dem Phänomen und der Attraktivität des vorgeblich Privaten im Porno beschäftigen.
Das Festival bietet die Möglichkeit, diese unterschiedlichen Herangehensweisen an das Thema Sexualität zu sehen und mit den Regisseurinnen und Regisseuren danach darüber zu diskutieren.
Vortrag mit Filmbeispielen / Lecture with film clips (in englischer Sprache / in English)
23.10., 18.30 Uhr, Eiszeit 2, mit "Beautiful Agony"
The Privacy Of Porn: All Is Intimate, Nothing Is True.
Stephan Wolf, Wuppertal
"Privater Porno". Ein Widerspruch in sich oder die Ausweitung der Kampfzone? Veritables Nischenmarketing oder endlich der Porno von und für Jedermann? Auf in die Diskussion!
Etymology claims that porn means to talk about whores and prostitution. In this sense we're reaching out for off-topic levels as we focus on private porn (almost an oxymoron, don't you think?). Never mind if private porn protagonists get some allowances for their contributions, or if "private porn" is less (or even more) porn than mere conventional products - to be or not to be ... the one you are, that's the question (from the "private" actor's POV). Truth, but a deceiving one, authenticity, but a false one, all intimacy - ruined? What is left of "private" when there's a camera around, some director or even some emcee to conduct? We may draw nonpoint lines of demarcation between private and public, between un-, semi- and commercial - and discard them again: From pure talking about the unspeakable (own) sexlife ("Herzfeuer"), the discovery of everybody's living room as a commercially fertile niche (Harry S. Morgan), some would-be new approaches to gain viewing pleasure by the exposure of personality (Erika Lust), to the online excrescences of sites like "Beautiful Agony" or "yuvutu". Freedom for all - or just another reflex on industrial products? A broadening of porn territory - as, all in all, no differences are to be seen anymore anyway? My assumption: with the call for "action" all intimacy, even authenticity, escapes the set. But - perhaps we disclose hidden hints for some antitheses together?
Stephan Wolf studied film theory and media science; master thesis: "Recent Porn Tendencies: the Visibility of Female Lust" (1998). As freelance journalist he published several articles about porn over the years, with special focus on its distribution and marketing (e.g. "www.sex.com. Porn-industry as the Cutting Edge for Online Marketeers", Promotion Business, WA-Verlag, Cologne). He recently released his (part-porn) novel, "Miss_Mut" ("Dis_Pleasure") as Wolf von Wark.
Herzfeuer (Heartfire) H T L NX D FT F
25.10., 18.15 Uhr, Moviemento 2
Deutschland, 1993, 104 Minuten, Mischka Popp & Thomas Bergmann, deutsche Originalfassung
Wir haben eine Reise unternommen. Durch die deutschen Schlafzimmer. Haben - quer durch die Republik - Gespräche geführt mit Singles und Paaren, mit Alten und Jungen. Über Liebe und Obsessionen, verborgene Wünsche. Über den Treibsatz Trieb. Keine Peepshow, kein verschwiemeltes Herumstochern unter der Bettdecke, keine pädagogischen Doktorspiele. Sondern: Gespräche in Augenhöhe, neugierig, handfest und sehr offen. Kein Beitrag zur Flut der Ratgeber, kein Beziehungskisten-Verschnitt, keine Anleitung für Erotikbastler. Eher ein Film der Unruhe, aus dem Reich der Sinne. Wir erzählen Geschichten von Höhenflügen und Abstürzen, von Gier und Einsamkeit, von Fremdheit und Nähe. Und von der Suche nach Glück. Groteske, anrührende und komische Geschichten. Von ganz normalen Leuten mit manchmal seltsamen Neigungen. Und von seltsamen Leuten, für die normal ist, was anderen verrückt erscheint. Vom frischen Glück, das sich ganz von der Welt abschottet bis zum Fetischisten, der sich als Haussklave verdingt, vom jungen Mann, der die alten Frauen liebt bis zum Ehepaar, das zur Liebe die zweite Haut braucht. Von starken Frauen, die für ihre sexuelle Selbständigkeit einen schmerzhaft hohen Preis bezahlt haben, bis zum ratlosen Mann, der sich in eine Hure verlieben musste - Momentaufnahmen von Lebens- und Liebesläufen, die eines gemeinsam haben: eine erstaunliche Direktheit und den Mut der Selbsterkenntnis.
We took a trip through German bedrooms. We talked to single people and couples, young and old people all over the country about love, sex and erotic dreams, obsessions and hidden desires. No peep show, no lurid prying under the covers, no
educational doctor games, but inquisitive provocative, solid and very open conversations. This is not merely another contribution to the mass of sex-guides, no DIY for eroticists, but an unsettling film from the sensual world. All contributors have one thing in common: an amazing directness and the courage of self recognition.
Die unbändige Neugier nach Sex des... Harry S. Morgan
Er ist eine Institution im deutschsprachigen Porno. Der Mann mit der Kappe, der Mann mit dem Händchen für authentische Szenen, der Mann mit dem Näschen für tolle Sex-Talente. Der Mann, der so gar nicht dem "Goldketterl"-Image eines Horizontal-Regisseurs entspricht und der sich erst einmal die Weihen des seriösen Journalismus holte, bevor er sich so erfolgreich in die Niederungen der Erotik begab, Harry S. Morgan.
Das Genre streifte den Mann, der als Michael Schey 1945 geboren wurde, schon im zarten Jugendalter. Auf einer Klassenfahrt nach Paris kaufte er die ersten Pornoheftchen und begann einen schwungvollen Handel auf dem Schulhof. Seinen Berufsweg startete der Schulhof-Kolporteur ganz seriös. Nach dem Abitur auf die Journalistenschule und dann mehrere Jahre als Reporter bei diversen Zeitungen und Magazinen, wie Bild, Spiegel und Stern. Außerdem verdiente Michael Schey sich seine Brötchen als Kamera-Assistent bei der Bavaria, wo er u. a. Jost Vacano assistierte.
Den ersten Pornofilm drehte der Mann, der sich dann nur noch Harry S. Morgan nannte, bereits 1986: die Debüt-Folge von "Happy Video Privat". Mittlerweile umfasst sein Schaffenswerk beinahe 500 Hardcore-Filme.
Ganz besonders intensiv hat der Regisseur sich immer mit dem Blick ins deutsche Privatleben beschäftigt und dabei festgestellt, dass der bevorzugte Deutscher-Michel-Sex durchaus nicht nur 08/15-Blümchensex ist, wie mancher bis dahin vielleicht glaubte. Der Porno-Produzent, der "ganz normale Menschen von nebenan" bei ihren heimischen Aktivitäten filmte, hat im Laufe der Jahre einen tiefen Einblick gewonnen.
Harrys eigene Vorlieben und Geschmacksgrenzen geben dem Ganzen allerdings immer einen Rahmen. Alles mit der ihm eigenen Prise trockenen Humors und technischer Perfektion, die seine Filme weit über den durchschnittlichen Stumpfsinn heben. Am spannendsten für ihn selbst und auch für die Porno-Konsumenten ist aber zweifellos sein Schlüsselloch-Blick ins Schlafzimmer des deutschen Durchschnitts-Paares.
In einem Interview plaudert er über seine Arbeit: "Bei einer Spiegel-Reportage über Pornographie 1972 habe ich einige Porno-Leute kennen gelernt. Die haben mich anschließend mal angerufen und gefragt, ob ich nicht Lust hätte, so nebenbei etwas Geld zu verdienen. Na, nun habe ich für die photographiert, ein paar Geschichten geschrieben und so. Aber mein Ziel war immer, ins Regie-Fach zu gehen, und da gab's eben einfach Probleme, und wenn man den Hunger hat, auf diesem Gebiet zu arbeiten, dann nimmt man auch Angebote in Sachen Pornographie an. Ich bin durch diese Branche auch schnell in leitende Funktionen geraten, in denen ich meinen eigenen Stil, meine eigenen Ideen und meinen eigenen Willen durchsetzen konnte. Hinzu kam, dass ich irgendwann mal sagte: "Porno an sich ist langweilig!" Es wird überall in der Welt produziert, Tausende von Minuten, und es ist immer das gleiche.
Da besann ich mich des Journalisten in mir und dachte: Das interessanteste ist ja, wenn am Samstag beim Nachbarn gegenüber abends um 18 Uhr die Rollläden runtergehen, während alle anderen die Sportschau gucken. Wieso geht bei denen der Rollladen runter? Da habe ich gesagt: Wir müssen einfach mal was anderes machen, wir müssen hingehen mit der Kamera, bei Leuten an die Tür klopfen und fragen: "Hört mal, was macht ihr denn, wenn bei euch die Rollläden runtergehen? Bumst ihr dann oder was macht ihr?" Und aus dieser Grundidee, die Neugierde des Nachbarn auszunutzen, kam es zu dieser Interview-Kiste.
Wovon die Serie lebt, ist wohl der entlarvende Moment. Da gibt es ja diese wunderbare Szene, mit dem Paar, das schon lange verheiratet war, und der Mann erzählt, wie gut das noch klappt. Die wollen es unbedingt im kleinen Badezimmer treiben. Er will sie immer anal nehmen und sie sagt dann immer: "Du Arschloch, du!" Da sagen doch die Zuschauer: "Guck mal, bei denen klappt das ja auch nicht so." Die meisten Leute stellen nämlich fest, dass sie selbst genauso sind. Der Wiedererkennungswert ist unglaublich groß!
Man muss heute witzig und kurz drehen, muss Storys wieder reinbauen. Vor allen Dingen deswegen, weil wir ein neues Potential an Zuschauern haben, und zwar die Frauen. Das ist eine Gruppe, die sehr extrem guckt, die auch sehr viel extremere Pornographie akzeptiert, aber die diese Pornographie mundgerecht in Stückchen serviert bekommen will. Die Frauen wollen langsam hingeführt werden und dann kann der Höhepunkt viel extremer und härter sein, als die Männer es je akzeptieren. Der Porno zeigt Träume, und ich versuche immer, in die Träume der Leute reinzukriechen, um rauszukriegen, was sie gerne sehen möchten.
Mein größter Wunsch wäre übrigens, dass Porno wieder verboten wäre! Dann würde die ganze Mainstream-Scheiße erstmal vom Markt wegkommen und man könnte im Underground wieder richtig gute Pornos machen. Wenn das dann wieder erlaubt wäre, würde ein ganz kleiner Haufen von Fachleuten übrig bleiben." Harry S. Morgan
Happy Video Privat H L T X
23.10., 20.30 Uhr, Eiszeit 2
Festival-Auswahl
Deutschland, 1980-2005, 75 Minuten, Harry S. Morgan, deutsche Originalfassung:
Birgit + Steffen aus Leipzig - Faustfick in Sachsen H X
aus "Leder Dildos, nasse Fotzen"
Esther aus Osnabrück - Bis zum letzten Tropfen H X
aus "...die geilen Schätzchen aus der Nachbarschaft"
Eva + Miro aus Wuppertal - Liebeslust im Zug H X
aus "Deutschland wie es leibt und liebt"
Karin + Ina aus Osnabrück - Harry ist sprachlos... L T X
aus "Pipi auf Karl-Heinz"
Silke + Marco aus Viersen - Anale Leidenschaft H X
aus "Orgasmus Spiele"
The German Harry S. Morgan started filming the private sex lives of Germany in the mid eighties. We screen a selection from his "Happy Video Privat" series. The sex scenes are preceded by interviews with the protagonists. All films and interviews are in German.
Barcelona Sex Project H X F
26.10., 20.30 Uhr, Eiszeit 2
Spanien, 2008, 110 Minuten, Erika Lust, spanische Originalfassung mit englischen Untertiteln
Sechs intime Portraits, mit offenherzigen Interviews über private Phantasien und echten Orgasmen in Erika Lusts feministischem Porno-Kaleidoskop.
Six portraits of true intimacy, personal interviews and real orgasms. "Barcelona Sex Project" is the latest production by Lust Films based on an original idea by Erika Lust. A feminist adult movie, created for women by women, the film discloses the private lives and sexuality of six individuals. The project is based on the conviction that women desire to know a person's inner character (their beliefs, their character, their feelings, fears and passions) before becoming drawn to them on a sexually intimate level.
Beautiful Agony NX F
23.10., 18 Uhr, Moviemento 1, mit "In Search Of The Wild Kingdom"
23.10., 18.30 Uhr, Eiszeit 2, mit Vortrag "The Privacy Of Porn"
26.10., 22 Uhr, Xenon, mit "In Search Of The Wild Kingdom"
Australien, 2008, 10 Minuten, beautifulagony.com, englische Originalfassung
www.beautifulagony.com ist ein Internetprojekt, das die Schönheit des menschlichen Gesichts im Moment des Orgasmus widerspiegelt. Die Protagonistinnen filmen sich selbst und präsentieren ihre Sexualität auf ihre eigene Art.
www.beautifulagony.com is a web-based project which reflects the eroticism of the human face at the moment of orgasm. Its gallery of D.I.Y. films is constantly growing and allows everyday people to capture their sexualities on tape however they see fit - as long as it's from the shoulders up. "Beautiful Agony" documents three Agonees and their trip up the hill to experiment with sensuality both within and outside of the frame.
Abkürzungen:
H = Heterosexuell, S = Schwul, L = Lesbisch, T = Transgender,
NX = enthält keine expliziten Sexszenen, X = enthält explizite Sexszenen,
D = Dokumentarfilm, FT = Fetisch, SW = Sexwork
(Filme zum Thema Sexarbeit und Prostitution),
F = Filme von Frauen, A = Animationsfilm

