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Hier hätte Ihr Porno laufen können...
Warum einige Filme bei diesem Festival fehlen
Das Pornfilmfestival heißt Pornfilmfestival, weil wir die Dinge nun mal beim Namen nennen. Auch wenn mindestens
die Hälfte der gezeigten Filme gar keine Pornos im engeren Sinne sind, sondern Filme, die um Sexualität kreisen, oder um die Bedingungen, unter denen Pornos entstehen. Es werden Dokumentationen gezeigt, experimentelle Filme, softe Erotik, aber auch explizite Darstellung von Sexualität. Genauso gut hätten wir das Ganze verschwiemelt "Festival der alternativen Erotik" oder ähnlich unkonkret benennen können. Doch wir sind ehrlich und zugleich vielleicht ein bisschen provokant.
Dass uns das P-Wort nicht unbedingt ein Massenpublikum bescheren wird, war immer klar. Doch immerhin wissen die Leute, woran sie sind, und so kann ein geneigtes Publikum gezielt zum Festival kommen und sich durchaus überraschen lassen, was man unter Porno alles verstehen kann.
Womit wir als Macherinnen und Macher des Festivals allerdings nicht gerechnet haben, ist, dass das P-Wort auch für Filme, die sich explizit mit Pornographie und Sexualität beschäftigen, abschreckend ist. Wie froh
waren wir über einige herausragende Produktionen, die wunderbar ins Programm, zu unserem Festival und unserem
Publikum gepasst hätten. Filme, die sich in intelligenter Weise mit Sexualität, Rollenbildern, Klischees,
Erotik und der Pornoindustrie auseinandersetzen. Dass nun ausgerechnet Regisseur/innen oder Produzent/innen
solcher Filme die Nase vor einem Festival rümpfen, das sich offen mit Pornfilmfestival betitelt, ist überaus erstaunlich und sehr schade.
Wie gerne hätten wir beispielsweise den australischen Film "The Band" gezeigt. Der Film begeisterte das
Auswahlkomitee nicht nur, weil es ein aufwändig produzierter Spielfilm ist, der gekonnt Handlung und
expliziten Sex miteinander vermischt, sondern auch weil hier eine weibliche Regisseurin, Anna Brownfield,
Sexualität aus weiblicher Sicht mit starken und interessanten Frauenfiguren beleuchtet. Doch, der internationale
Sales Agent hatte "andere Pläne" für den Film, die nicht direkt auf die sexuelle Natur des Filmes hinweisen,
und sagte dem Pornfilmfestival ab.
Die Dokumentation "Stalags - Holocaust And Pornography In Israel" von Ari Libsker trägt zwar das Word "Pornographie" im Titel, mit einem Festival unserer Art wollte man aber nichts zu tun haben. Dabei hätten wir den Film nicht nur gerne gezeigt, sondern seinem spannenden Inhalt - Pornogeschichten, die in deutschen Kriegsgefangenenlagern spielten und in Israel geschrieben und massenhaft verkauft wurden - gern einen ganzen Schwerpunkt im Festival gewidmet.
Schade, dass dieses interessante und brisante Thema nun unserem Publikum vorenthalten bleibt.
Ebenfalls um Porno, und zwar nur um Porno, geht es in der deutschen Dokumentation "9 To 5 Days In Porn"
von Jens Hoffmann. Dieser ausführliche und alles andere als beschönigende Blick hinter die Kulissen der
Pornoindustrie weltweit würde wohl auf kein anderes Festival besser passen. Doch auch hier strebt man nach
Höherem und versagte uns die Aufführung.
Sehr gern hätten wir Sexualität in den 70er- und 80er- Jahren im legendären New Yorker Sex-Club Plato diskutiert und die erhellende Dokumentation "American Swing" von Matthew Kaufman und Jon Hart im Programm gehabt. Wir waren sicher, unser Publikum hätte sich für diese wilde Geschichte ausufernder Sexpartys, inspiriert von der schwulen Subkultur, hier umgesetzt von heterosexuellen Paaren und einigen prominenten Besuchern, interessiert und unser Festival hätte dem Film den geeigneten Rahmen geboten. Doch leider hatten die Regisseure andere Pläne mit
ihrem Film.
Auch einer der künstlerisch wertvollsten und in seiner Machart interessantesten Dokumentarfilme, "Jan
Saudek", über eben jenen tschechischen Fotografen, bleibt uns vorenthalten. Die Arbeit Saudeks und auch sein unkonventioneller Lebensstil, unangepasst, bahnbrechend und rebellisch, hätten gut zum Festival
gepasst. Leider nicht so in den Augen der Filmemacher, die sich in ihrer Haltung der eigentlichen Aussage des
Films zwar verpflichtet fühlen, aber sich von ihren Anwälten (schlecht) beraten ließen, dass eine Teilnahme
bei einem "Porno"-Festival die Mitarbeiter des Films kompromittieren könnte.
Diese wichtigen Informationen über gute und interessante Filme wollten wir unserem Publikum nicht vorenthalten.
Wir können nur unser Bedauern über die Haltung der Filmemacher und -macherinnen zum Ausdruck bringen und uns umso mehr bei jenen bedanken, die nicht nur gewagte Filme machen, sondern diese auch gern bei gewagten Festivals zeigen.
Die Kuratoren und Kuratorinnen des 3. PornfilmfestivalBerlin
RÜCKBLICK 2007
Mehr Zuschauer und mehr Gäste bevölkerten das 2. PornfilmfestivalBerlin, das am Sonntag, den 28. Oktober 2007 mit einer glamourösen Preisverleihung zu Ende ging. Die internationale Jury - bestehend aus Tat Escobar, Madrid; Isabel McEwen, Hamburg; und Hubertus Leischner, Berlin - vergaben folgende Preise: den ersten Preis erhielt Joe Gallant, New York für "Atomic Skullfuck Orgy". Der zweite Preis ging an Bruce LaBruce, Toronto für den Film "Give Piece of Ass a Chance", und jeweils eine lobende Erwähnung ging an "Dinner for a Cocksucker" von Alfio Tombolato, Venedig und "Sex Mannequin" von Maria Beatty, Paris.
Lebhafte Diskussionen der gezeigten Filme, spannende Workshops, interessante Vorträge und rauschende Feste machten das 2. Pornfilmfestival zum Ereignis des Monats Oktober. Audacia Ray, die ihren Film "The Bi-Apple" vorstellte, hat in einem persönlichen Blog ihre Erlebnisse und Abenteuer pointiert festgehalten. Nachzulesen auf http://www.wakingvixen.com/blog/?p=868. Weitere Presseartikel sind auf der Website unter Presse zu finden.
Trotz aller lebhaften Auseinandersetzungen wurde auch diesmal die Pornografie nicht neu erfunden, doch haben Gäste und Festivalbesucher einige neue Erkenntnisse gewonnen. Wir, die Festivalorganisatoren, möchten uns bei allen beteiligten FilmemacherInnen und anderen Gästen für ihre Beiträge bedanken und sind uns sicher, dass wir auch in diesem Jahr wieder kontroverse Arbeiten präsentieren können. Wir sehen uns vom 22.-26.10.2008 im Kino!
Das Festivalteam Berlin
Als kleine Anregung könnt Ihr Euch unseren Podcast mit einem Gespräch mit Jürgen Brüning und Manuela Kay, entstanden während des 1. Pornfilmfestivals 2006, anhören.
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